Oxygen
YYR is dead!
Das wäre ein Ansatz gewesen, zu sagen, was ich zu sagen habe. Als ich vor einer ganzen Weile morgens meine Lieblingsseite Pixelsurgeon.com ansteuerte, stand es da. Nicht mehr und nicht weniger. Den Rest durfte sich der langjährige Leser selber zusammenreimen. Richtig, YYR ist zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise so groß gewesen wie Pixelsurgeon und langjährige Leser gibts auch nicht, denn mit dem heutigen Tag ist dieser Blog 256 Tage jung. Etwas mehr als acht Monate. In dieser Zeit ist so unglaublich viel passiert - vieles davon habt ihr mitbekommen, vieles aber auch nicht. Ich war jedenfalls damals ein bißchen sauer, als ich diese halbherzige Abschiedsnotiz las. “Ich habe schließlich mit meinen Klicks jahrelang dazu beigetragen, dass Pixelsurgeon überhaupt exisitiert!”, so mein Gedankengang. Dass sich jemand einfach aus dem Staub macht, ohne sich zu erklären, ohne mir zu erklären - ein Verhaltensmuster, das ich nicht nur im echten Leben bedingungslos ablehne. Deswegen also der Versuch, euch an meiner Entscheidung teilhaben zu lassen.
Was war?
Als ich im Juli letzten Jahres hier angefangen habe zu schreiben, stand das Bedürfnis im Vordergrund, einen Blog zu betreiben, den ich vor allem selber gerne lesen würde. Gleichzeitig ist YYR für mich zu einer Art Notizbuch geworden: berichtet wurde nur über die, die ich mir selber merken wollte. Zu diesem Zeitpunkt war ich Student und arbeitete halbtags nebenbei in einer Altonaer Multimedianussschale. Weder das Studium, noch der Job hatte mich soweit eingespannt, dass ich nicht abends noch die Zeit gefunden habe, meine Feedreader zu durchwühlen und ein paar nette Beiträge zu schreiben. Pro Tag zwei bis drei Artikel waren keine Seltenheit. Im August fing es dann im Studium an ernst zu werden und trotzdem war der Output hier gemessen an meinem Tagespensum enorm. Ein paar Wochen später fand ich mich in einem Kinosaal mit ca. 400 Leuten wieder und hielt ein Zeugnis mit einer für mich nicht fassbaren Note in der Hand - das war der Moment, wo ich angefangen habe, mich mehr von außen, als von innen zu sehen. Mein Leben fing ein bißchen an, zu einem Automatismus zu werden. Staunend, nein ungläubig habe ich beobachtet, was mit mir passierte, denn gelenkt habe ich zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Ein bißchen fing ich an, mich zu fühlen, als würde ich in einer riesigen Einkaufsstraße stehen, den Blick abwesend auf den Boden gerichtet und von all den Menschen um mich herum bestenfalls mal angerempelt, mal aus dem Weg geschoben, mal irritiert angeglotzt - weil ich selber mit Gedanken beschäftigt war, die ich kaum noch nach außen getragen habe. Mein Leben verlief ein bißchen zu rasant für das, was ich noch aufnehmen und verarbeiten konnte, denn innerhalb der letzten fünf Monate überschlugen sich die Ereignisse:
Ich wurde von meiner Freundin nach sechs Jahren auf eine Weise im Regen stehen gelassen, wie sie mich nicht mehr hätte treffen können. Ich wurde von meiner Firma auf kaum weniger wundersame Weise vor die Tür gesetzt. Ich schlug mich als Freelancer durch. Ich unterhielt mich in Bangkok mit einem Australier, dessen Lieblingsfilm “Das Mädchen Rosemarie” ist - neun Tage nachdem ich den Flug gebucht hatte. Ich schrieb seit Anfang November ‘08 bis Ende Februar ‘09 knapp 200 Seiten Tagebuch. Ich schrieb hier bei YYR weit über 300 Artikel. Ich schoss ca. 15.000 Fotos. Ich entdeckte Twitter. Ich ließ mich neben Nena tättowieren. Ich fing in einer Post Production an und arbeite seitdem stolz wie Oskar an Projekten für’s bundesweite Fernsehen. Ein bißchen viel alles, wenn ihr mich fragt.
Was ist?
Parallel nämlich hatte sich YYR weit von dem entfernt, was es ursprünglich mal war: ein designorientierter, tagesaktueller Infoblog. Vielmehr ist YYR zu einer privaten Spielwiese meiner Launen geworden und auch wenn das für manchen Leser schwer zu glauben sein mag: die emotionale Buschtrommelei passt in seiner Exzentrik gar nicht zu mir. Durch die Ereignisse der letzten Monate hatte ich soviel zu verarbeiten, dass ich es wohl für selbstverständlich gehalten haben muss, ein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis entwickeln zu dürfen. Abgesehen davon fand ich mehr und mehr weniger und weniger Zeit, täglich hier schreiben zu können. In der Regel hört mein Tag inklusive aller Bahnfahrten und Schwarzbrot-mit-Maggi-und-Schinken-Macherei kaum vor 21.30 Uhr auf. Wenn YYR nicht wäre, denn um diesen Blog einigermaßen interessant zu gestalten, wollen für die Recherche täglich mehrere hundert RSS-Feeds durchforstet werden. Und dann hab ich noch keine Sekunde mit einem Freund telefoniert oder ein Date klar gemacht. Tja und so funktioniert das ja. Muss ja. Nützt ja alles nix. Und sonst so? Hachja, und selber?
Der Ausgleich fing an mir zu fehlen. Ich habe gemerkt, dass der Druck wuchs, hier halbwegs meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und gleichzeitig abends das nötige Bier mit echten Menschen oder auch allein trinken zu können. An meiner neu entdeckten Energie liegt es nicht, das habe ich erleichtert festgestellt - aber der Tag hat leider nur 24 Stunden. Und wer schonmal versucht hat, sich um 03.00 Uhr nachts zu verabreden, weiß wovon ich spreche.
Was wird?
Downshifting. Offline is the new online. Durchatmen, als Digital Native. Ich kriege regelrechte Entzugserscheinungen, wenn ich nicht fünfminütlich meine E-Mails, Twitter, diesen Blog, spOn, NetNewsWire oder das Wetter im Oman checke - kann es das sein? Der Plan ist simpel: das Gefühl wieder entdecken, wie es ist, die digitale Welt zusammen mit dem Regenschirm im Hausflur abzulegen, bevor ich dir Tür hinter mir zumache. Mittelfristig werde ich erst die sehr privaten Einträge entfernen (Personaler und die Googlekrake, ihr wisst schon…) und wenn sich der Traffic in Bahnen bewegt, die es für mich legitim machen, lege ich YYR ganz schlafen.
Natürlich werde ich es nicht ganz bleiben lassen können. Einige von euch haben es schon vermutet, aber ich versichere euch: “sie” war nicht der Grund für die Trennung. Twitter ist eine neue aufregende Geliebte, aber meiner Entscheidung stehen andere Gründe voran. Wer also in Zukunft weiter von mir hören möchte, und ich würde mich sehr darüber freuen, der macht sich flux einen Twitter-Account und folgt meiner Timeline. Ich werde meine abonnierten RSS-Feeds weiter parallel lesen und in Zukunft verstärkt twittern. Vermutlich werde ich so sogar mehr Künstler vorstellen, als bisher - nur eben auf 140 Zeichen.
Ich habe vorher eine handvoll Leute um Rat gefragt, was sie an meiner Stelle tun würden, allesamt Menschen die ich aus verschiedenen Gründen sehr schätze. Von einer Seite kam der Gedankenanstoß, in Zukunft einen Fotoblog zu betreiben, den ich sehr interessant finde. Außerdem bin ich auf eine feste Autorenschaft in einem neuen, sehr ambitionierten Blog angesprochen worden, dessen Konzept sich noch in der Aufbauphase befindet. Man sieht sich schon irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Was bleibt?
Es wird mir unendlich fehlen, eure Kommentare zu lesen. Ich war von Anfang an stolz darauf, in kürzester Zeit einen Blog zu betreiben, dessen Qualität vor allem vom gehaltvollen Feedback geprägt war. Während man auf anderen Blogs - wenn überhaupt - mal ein “Oh wie schön! Weiter so…” findet, habt ihr euch fast schon communityartig beteiligt. Es wurden weiterführende Links zum Thema geteilt und es wurde angeregt diskutiert, sowohl untereinander als auch mit den Künstlern selber, die auf Artikel über sie aufmerksam geworden waren. Ihr habt mir auf die Finger gehauen, wenn ich mal wieder faul war und ihr habt mir sogar Post geschickt, wenn ihr gemerkt habt, dass es mir schlecht ging.
“On and on, and on, and on it goes
The world it just keeps spinning
Until i’m dizzy, time to breathe
So close my eyes and start again anew”
Mit einigen von euch habe ich ein virtuelles Verhältnis aufgebaut, dass ich nicht missen möchte und werde, andere habe ich sogar in echt getroffen. Vor allem aber bleibt für mich, dass ihr mir die Möglichkeit gegeben habt, hier schreiben zu dürfen, was ich will. Ich hatte vom Start weg nicht das Gefühl, mich mit einer Wand zu unterhalten und so komisch es klingt: YYR ist für mich zu einer Art Begleiter geworden. In so kurzer Zeit.
Danke. ♥
(Ballon via)














