Mixtapes machen für Anfänger

So, dann werde ich mich mal erbarmen. Ich hör sie doch, die verzweifelten Rufe nach einer Anleitung für das perfekte Mixtape. Manchmal stehen Menschen unter meinem Fenster und rufen: “Hey, kennst du Muxtape.com? Ein Freund von mir hat gesagt, dass das der endheftige Web 2.0 Shice ist, aber so richtig weiß ich nu’ auch nicht!”. Ich schütte dann immer kaltes Wasser aus dem Fenster.

Mixtapes machen. Weiß ja keiner mehr wie das geht. Wenns hochkommt haben diese verrohten Teens mit trendy VoKuHiLa-Frisur doch vielleicht noch einen 4gb Stick mit 34.000 wahllos zusammengekloppten Stücken um den Hals hängen, aber Mixtapes? Und wenn die bespangte Freundin oder die G-Star Crew dann auch mal was davon hören will, dann werden in der Öffentlichkeit so kleine Boxen drangestöpselt, die bedingt durch die Tatsache, dass sie über ein ekelerregend geringes Klangvolumen verfügen, die gesamte Umwelt vergretzen. Worry not, kids! Es gibt Abhilfe, nach dem Klick.

Für dieses Seminar habe ich nicht die Mühe gescheut, ein exemplarisches Mixtape vorzubereiten. Als Gesprächsgrundlage, sozusagen. Unter yeahyoureright.muxtape.com ist mein Mixtape hinterlegt. Alle Songs können da, für die, die es nicht wissen, mittels AJAX-Webinterface in voller Länge und unendlich oft abgespielt werden. Das ist gut, denn es soll ja auch was hängen bleiben. Ich möchte in aller Bescheidenheit darauf aufmerksam machen, dass dieses Mixtape qualitativ nicht zu überbieten ist. Aber ich lege die Meßlatte bewusst hoch. Die Leute schreien ja auch nicht nach Aerobic-Videos von Tine Wittler. Also Stifte raus, mein Muxtape einlegen und los gehts:

  1. Anna Ternheim - Shoreline (5:09)
    Erste Regel bei Mixtapes: langsam und subtil anfangen. Der Hörer muss sich in Sicherheit wiegen, glauben, dass er dem Kassetten-DJ gnadenlos überlegen ist, ob seiner lachhaften Wahl für den ersten Song. Ziel ist es, dass dieser jemand beim zweiten, dritten und vierten Mal Hören der Kassette zunehmend einsehen muss, dass der erste Song der motherfucking beste Song ist, der ihm je in sein schäbiges Elta-Deck befördert wurde.
  2. Babyshambles - The 32 Of December (3:09)
    Erste Hürde genommen. Locker werden! Am besten einfach einen Song hinterherschieben, der dem Rezensenten die Gelegenheit gibt, sich zu sortieren. Der erste Song war ein Schlag ins Gesicht - mit dem Zweiten, versöhnlich hittigen Stück sagen wir dem Hörer: “So Freundchen, jetzt weißt du, wie der Hase läuft. Hier wird nach meinen Regeln gespielt. Nimm dies und erhol’ Dich, Greenhorn!”
  3. The Shins - Australia (3:57)
    Und noch einer hinterher. Zuckerbrot und Peitsche sozusagen. Im Grunde geht es darum, dem Hörer so galant wie möglich klarzumachen: Roger Cicero? Not gonna happen!
  4. The Books - Smells Like Content (3:41)
    Jetzt wirds ernst. Nach gut sieben Minuten seichter Unterhaltung jetzt der erste ganz schwere Brocken. The Rock - Fels der Entscheidung. Zur Mitte des Tapes die Eiger-Nordwand. Der Titel des Songs als subversiver Wink mit dem Zaunpfahl und Hinweis auf die Marschroute der noch folgenden Chansons: sind sie zu stark, bist Du zu schwach! Beweist der Hörer hier Durchhaltevermögen, wird er mit der Erkenntnis belohnt, dass die Stücke, die man erst 20 mal hören muss, bis sich einem die volle Genialität des Werks erschließt, die nachhaltigsten sind. Timbaland geht sofort rein. Aber auch sofort wieder raus.
  5. M.I.A. - $20 (4:34)
    Wir sind noch nicht am Gipfel, aber die Höhenluft wird schon spürbar dünn. Noch benommen von Lied Nummer vier dringen jetzt nur noch psychedelische Klangfetzen zum Beschenkten durch. Wir wollen ihn jappsend auf der Couch schmilzen sehen. Aus der Tiefe der Boxen, die momentan eher wie schwarze Löcher aussehen, weht lockender Gesang herüber. “Das ist doch…aber das kann doch nicht sein…ein ‘Where is my mind’ Cover…von dieser Elektroclash-Tussie?”. Richtig. Odysseus und die Sirenen.
  6. Simian - Never Be Alone (3:23)
    Jeder, der schon einmal ein Mixtape geschenkt bekommen hat glaubt vorher, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Man wartet geradezu darauf, dass ein Lied auf der Kassette auftaucht, dass der DJ fälschlicherweise für einen absoluten Insiderhit hält, nur um ihm dann um die Ohren hauen zu können: “Kenn ich, alter! Ist ganz cool”. Ganz dünnes Eis, auf das wir uns gar nicht erst wagen wollen. Diesen Zahn ziehen wir dem Hörer mit einer weit verbreiteten Technik: dem “Reverse Engineering”. Man nehme einen Song, bei dem eine total angesagte Band eine andere, weniger bekannte Band samplet. Dann friemeln wir die weniger bekannte Band raus und schmeißen den Rest weg. Warum? Weil wir es können! Da ist es dann gern auch egal, ob der rausgefriemelte Song in echt bitterschlecht ist. Hier geht es um pure Angeberei. Top!
  7. Vampire Weekend - Boston (2:40)
    Denn eins muss klar sein: Mixtapes machen hat rein gar nix mit Altruismus zu tun. Verhaltensforscher haben längst erkannt: der Mensch macht nichts, null, zero, nada ohne egozentrischen Hintergedanken. Die wahre Bestimmung von Mixtapes ist es daher, den Gegner zu entwaffnen. In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt und nur das Mixtape schaffte es, auf beiden Gebieten gleichzeitig zu agieren. Nehmen wir also noch ein bißchen mehr Tempo auf und bieten einen Gassenhauer an. Einen zu dem die Mädchen tanzen wollen und die Jungs cool aussehen. Aber nicht den Hit des Albums (hier: “A-Punk”)! Das wäre zu simpel…das wäre ja albern! Das haben wir nicht nötig und das zeigen wir auch.
  8. The Mae-Shi - Lamb And The Lion (2:24)
    Nahtlos wird jetzt an den Vorgänger angeschlossen und die Tempokurve weiter Richtung Stratosphäre geprügelt. Der Song zum im Auto völlig durchdrehen fehlte bis jetzt. Bitteschön.
  9. Justice - DVNO (3:56)
    Durchatmen, arme ausschütteln, locker machen, Serotonin genießen, eine Rauchen gehen, tanzend die Wäsche aufhängen. Das Tape braucht Songs, die den Hörer dazu zwingen, es wieder einzulegen. Dazu bedienen wir uns irgendeines Duos, dass mit französischen Nu-Rave Gebilden für Furore sorgt und dafür von Kanye West grotesk umtänzelt wird.
  10. Joy Division - Love Will Tear Us Apart (3:27)
    Ganz wichtig, ja nachgerade® zentral für ein Mixtape: das “Weißt du noch?”-Lied! Hier ist es unbedingt zu vermeiden, Lieder von der Qualität “Weißt du noch, dazu sind wir immer am Autoscooter abgegangen!” zu wählen. 2 Unlimited, Charlie Lownoise & Mental Theo oder Mark ‘Oh wären zwar rührende Zitate, würden aber die Komplexität des bis hierhin geschaffenen Mixes auf einen Schlag pulverisieren. Hier gilt es vielmehr, Coolness zu beweisen. Ein 80er Hit von einer Band, der man fälschlicherweise Nähe zum faschistischen Gedankengut nachgesagt hat und deren Sänger sich erhängt hat erfüllt diesen Zweck da ganz wunderbar.
  11. Sir Simon - I Turn The Key (4:27)
    Was darf außerdem auf keinem Mixtape fehlen? Ein Song der von einem lieben Freund stammt, den der Hörer allerdings nicht kennt. Den Freund. Den Song natürlich auch nicht. Auf die Kassette schreibt man dann erläuternd: “Der Song ist von XY, der manchmal bei XY aushilft. Der hat jetzt sein eigenes Projekt laufen und ich find das ehrlich gesagt viel besser, als das was er so nebenbei macht!”. In diesem Fall: Sir Simon alias Simon Frontzek alias nebenbei Keyboarder bei Tomte. Wer bei “I Turn The Key” ab der vierten Minute nicht die Fassung verliert, dem ist nicht mehr zu helfen.
  12. Death Cab For Cutie - Passenger Seat (3:42)
    Wir bleiben phonetisch zum Abschluss auf Kurs und schlagen gleichzeitig den Bogen zum Anfang des Tapes. Hier ist es unabdingbar, ein Lied zu wählen, dass dem Hörer die Möglichkeit gibt, die letzten 60-90 Minuten Revue passieren zu lassen. Dabei nehmen wir ihm selbstverständlich die Objektivität und vernebeln ihm die Sinne mit einem schamlos romantischen Lied. So KANN das Tape nicht verrissen werden.

So einfach ist das. Noch ein selbstgebasteltes Cover in die Kassettenhülle, vorzugsweise mit absurd kombinierten Intro-Schnipseln und fertig ist die Laube. Ich hoffe, ich konnte damit zur allgemeinen Aufklärung beitragen. Danksagungen nehme ich später an.

6 Kommentare zu “Mixtapes machen für Anfänger”

  1. Nett! Aber die ultimative Anleitung gibt es bei High Fidelity!! ;-)

  2. Nett? Nett ist eine unverhohlene Beleidigung! Aber ok, wir leben in einem freien Land.

    Und High Fidelity: liegt bei mir seit Jahren auf Halde, ich konnte mich bis jetzt noch nicht überwinden, das Buch zu lesen. Ich würde die ganze Zeit John Cusack im Kopfkino rumzappeln sehen. Denn letzten Versuch hat eine Freundin zu meiner Einweihungsparty gemacht, als sie mir das Buch geschenkt hat. Irgendwann muss ich da durch, trotz der komischen Musik, die darin als “ultimativ” feilgeboten wird.

  3. [...] zum Mixen vergessen? Entweder Nick Hornby’s High Fidelity lesen oder hier schauen: YEAHYOURERIGHT. 05. Aug 2008 von admin | Abgelegt unter Die [...]

  4. Also… ich sage das sonst nur zu mir oder
    zu dem Kerl im Spiegel (ist nicht das gleiche),
    aber das ist echt genial!

    Mehr sag ich nicht :o)

  5. Danke =D perfektes weihnachtsgeschenk für die freundin.

  6. streber. wir haben ende oktober!

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