
Gestern abend war es also so weit, CheckDisOut, Hamburgs erste Diskussionsrunde zu aktuellen Themen wie Gesellschaft, Medien, Kunst und Kultur, fand in den Hallen des Ginko Press Verlags statt und ich sollte dabei sein. Als Zuschauer, versteht sich. Geladen waren, wie bereits berichtet, einschlägig bekannte Protagonisten der Musikszene, darunter Eric Wahlforss, Gründer von Soundcloud oder Ruben Jonas Schnell, dem Gründer von ByteFM. Veranstaltet und moderiert wurde das ganze von der internationalen Trendagentur PSFK in Person von Matthias Weber, der mich freundlicherweise eingeladen hatte.
Soweit so gut. Ich möchte vorab darauf hinweisen, dass meine Eindrücke unter nicht unerheblichem Einfluss von Alkohol und der Tatsache, dass ich selber kein Musikschaffender bin, entstanden sind. Im Folgenden schildere ich den Abend also als angetrunkener Laie, der ich nunmal war. Immerhin hatte ich mir einen Freund, der selber Musik macht, an die Hand genommen, damit ich nicht ganz wie der Ochs vorm Scheunentor stehen sollte.
Los gings um ca. 20.00 Uhr. Wir betraten einen kargen, weißgestrichenen Raum voller bunter Menschen und ich hatte mich sofort gefragt, wie die alle das so schnell vom Prenzlauer Berg nach Hamburg geschafft haben. Mir war vorher auch nicht klar, dass es einen Dresscode gab. Bicolor-Hornbrillen mit Fenstergläsern und Holzfällerlook war unter den Herren unisono der letzte Schrei, während die Damen den Vintagestil kombiniert aus Cordminirock, Rüschenbluse und Omapumps bevorzugten. Very artsy people insgesamt und angenehm unangenehm, denn es war klar: hier hatte sich die gesammte Avantgarde Hamburgs, bestehend aus Musikjournalisten, freischaffenden Künstlern und Rockstars kummuliert. Es gab Wodka-Tonic mit Limettenscheibchen und Salzstangen, ich blieb beim Pils.
Matthias Weber (mit seinem jungehaften Charme, seiner beneidenswerten (zweisprachigen) Eloquenz und seiner noch beneidenswerteren Selbstverständlichkeit als Moderator der Typ Mann, in den sich die Mädchen sofort verlieben. Wenn man Kurt Krömer in ein Bootcamp mit George Clooney und Matthew McConaughey stecken würde, würde Matthias Weber dabei herauskommen!) eröffnete die Diskussion nonchalant mit einer lässigen Einführung, flankiert von einer standesgemäßen Flatscreen-Präsentation. Leider kam es, wie es kommen musste. Das Thema “Music is Okay!?”, angelehnt an ein Statement von DJ Koze, wurde immer wieder geschickt umschifft. Stattdessen wurde endlos über neue Distributionswege, böse Major Labels und die guten alten Vynilzeiten geredet.
Was ich eigentlich für einen cleveren Move gehalten habe, nämlich einen Co-Moderator darauf anzusetzen, das Publikum permanent mit einzubeziehen, hat sich als Schlag ins Leere entpuppt. Zwar hatte man eingangs dazu aufgefordert, sich unaufgefordert zu Wort zu melden; ich hätte mir allerdings gewünscht, dass das Publikum eher mit konkreten Fragen einbezogen wird. Wie bewertet ihr denn Erfolg von Web 2.0 Bands wie 1000 Robota oder den Arctic Monkeys? Macht es euch MySpace wirklich einfacher? Nun waren schon soviele Menschen da, die sich mit der Materie auskannten. Leider gab sich das Publikum aber schnell dem anästhesierenden Phrasengedresche und dem Wodka-Tonic hin. Einmal hat sich dann jemand zu Wort gemeldet, der zwar für meinen Geschmack seinen Unmut etwas zu griesgrämig äußerte, im Grunde aber Recht hatte: es wurde nicht ansatzweise darüber gesprochen, wo denn die Magie der Musik im digitalen Zeitalter geblieben sei. Da wurde es kurz spannend. Kurz. Die Rahmenbedingungen waren in meinen Augen fast perfekt. Aber dicht daneben ist halt trotzdem vorbei. Die Chance, junge Musiker nach ihren Erfahrungen mit den neuen Mitteln (und Gefahren) des digitalen Zeitalters zu befragen, wurde verpasst. Stattdessen glitt die Diskussion immer mehr auf eine Metaebene ab, die für mich als Laien vielleicht einfach auch nur noch etwas schwer greifbar ist. Immer wieder hatte ich mich gefragt, ob ich mich anders gefühlt hätte, wenn die Diskussion sich um das Thema Grafik Design gedreht hätte. Ich bin aber zu keinem Schluss gekommen, auf einen Versuch käme es an. Alles in allem hatte ich dennoch enormen Respekt vor dem Aufwand, den Matthias für diesen Abend getrieben hat und ich bin mir sicher, dass die nächsten Runden von diesen Erfahrungen profitieren werden. Gestern abend hat mir das aber nichts genützt.
Und so habe ich immer wieder fasziniert in die Runde geschaut. Vor mir saß zum Beispiel der Tonnazi. Er war dafür verantwortlich, dass sämtliche Mikrofone der Diskussionsteilnehmer korrekt ausgesteuert waren und er nahm seine Aufgabe sehr ernst. Alle zwei Minuten stand er auf und regelte an den Reglern, was das Zeug hielt. Er scheute sich nicht einmal davor, den Co-Moderator mit hektischer Mimikpöbelei anzublaffen, dass er doch gefälligst von den Boxen wegkommen solle. Als der sich reuig schlich, hatte es sich natürlich gleich viel besser angehört.
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